Elternselbsthilfe - Die Alternative zu Co-Abhängigkeit und Resignation
“Sucht beschädigt die Würde des Menschen” und die Suchthilfe läuft dem Süchtigen mit immer neuen Angeboten hinterher und erreicht ihn nicht: So haben wir es in den vorherigen Referaten gehört.
Aber wo kommen die Süchtigen eigentlich her, sie fallen doch nicht vom Himmel ? Was ist das für eine Gesellschaft, die diese Selbstzerstörung von hoffnungsvollen jungen Menschen duldet ? Warum greifen soviele junge Menschen und oft schon 12-jährige Kinder zu Rauschmitteln? Unbekümmert um ihre Zukunft und ohne Risikobewußtsein pflegen sie ihre “Spasskultur” und merken nicht, dass sie ihre Freiheit auf das Spiel setzen.
Spass und Entspannung, grenzenlose Freiheit und bewusstseinserweiternde Erlebnisse - auf diese verführerischen Versprechungen fallen Jugendliche herein. Neugier, Abenteuerlust, die Unsicherheiten der Pubertät, die Angst vor anstehenden Entscheidungen und die Ablösung vom Elternhaus, gepaart mit der Ablehnung der Erwachsenenwelt und der Wunsch nach der Zugehörigkeit zu einer Gleichaltrigengruppe - all das macht Heranwachsende empfänglich zum Probieren neuer Erfahrungen - und Drogen, legale wie illegale gehören dazu. Vielleicht gibt auch unsere Gesellschaft mit dem wachsenden Anspruch auf Konsum und Genuss ein entsprechendes Beispiel, und wir sind alle gefährdet, die Grenzen zum Übermaß und Missbrauch der Ressourcen zu überschreiten und darüber den Sinn des Lebens zu verlieren.
Für Eltern, die einen süchtigen Jugendlichen in ihrer Familie haben, bricht diese bürgerliche Welt zusammen und alle bisher für wichtig gehaltenen Werte werden in Frage gestellt. Eltern, die Veränderungen im Verhalten ihrer Kinder feststellen, die mit Pubertätsschwierigkeiten nicht zu erklären sind, machen sich Sorgen. Sie haben Angst, dass Drogen im Spiel sein könnten und wollen es gleichzeitig nicht wahrhaben, denn ” Süchtige kommen doch nur aus asozialen Familien “, so hört man doch immer wieder. Sie laufen ihren Kindern hinterher, befragen sie und erhalten nur ausweichenden Antworten, sie möchten glauben und werden enttäuscht, kontrollieren und merken, dass sie ihre Kinder nicht mehr erreichen. Sie beginnen zu zweifeln an sich selbst und an ihrer Erziehung, sie fühlen sich als Versager und leiden unter den zusätzlichen Beschuldigungen ihrer Umgebung, die alles besser weiß. Sie fühlen sich verantwortlich für das Versagen ihres Kindes, das aus Schule und Ausbildung herausfällt. Sie schwanken zwischen harten Verboten, deren Einhaltung nicht durchgesetzt wird, und übermäßiger Fürsorge und Abwendung aller negativen Folgen des süchtigen Verhaltens ihrer Kinder, immer im Bestreben, Schlimmeres zu verhüten. Sie verzweifeln, weil sie nichts ausrichten “und fühlen sich hilflos und schuldig und isoliert in verzweifelter Situation. Solange haben sie versucht , die Probleme innerhalb der Familie zu lösen, weil sie sich geschämt haben, darüber zu sprechen. Nun müssen sie sich ihre Ohnmacht eingestehen, suchen eine Beratungsstelle auf und kommen in den Elternkreis.
Im Elternkreis finden Eltern Gleichbetroffene, hören von deren Erfahrungen und fühlen sich endlich nicht mehr allein und ausgestoßen. Unter der Wärme und dem Verständnis der Anderen können sie erstmals über ihre Probleme sprechen. Sie lernen , was Sucht bedeutet und dass s i e den Süchtigen nicht ändern können, wohl aber ihr eigenes Verhalten. Im ständigen Gespräch mit anderen Eltern erhalten sie ein vielfältiges Angebot an denkbaren neuen Verhaltensweisen in ähnlichen Krisensituationen. Nur langsam kann sich oft jahrelange Verkrampfung lösen und neue Gedanken können Raum gewinnen. Es ist sehr schwer, aus dem Teufelskreis der Abhängigkeiten herauszufinden - die Abhängigkeit der Eltern vom jeweiligen Befinden ihres Kindes braucht ebenso eine behutsame Behandlung wie die Sucht des Betroffenen selbst.
Eltern erkennen nach und nach, wie lähmend die Suche nach eigenen Erziehungsfehlern oder nach fremden Schuldigen für die Sucht des Kindes ist. Sie hören auf, die verlorene Vergangenheit zu beklagen und in der Angst vor der Zukunft zu verharren und beginnen wieder, sich den alltäglichen Aufgaben zustellen. Sie lernen die drogenbedingte Veränderung ihres Kindes zu verstehen und erkennen, wie sie, immer im Bestreben, dem Drogenkranken zu helfen und ihm alle Schwierigkeiten abzunehmen, nur die Sucht unterstützt und den Jugendlichen noch zusätzlich abhängig von ihrer Hilfe gemacht haben.
Endlich können Eltern wieder die Bedürfnisse der anderen Familienmitglieder und auch ihre eigenen wahrnehmen und finden zu neuem Selbstbewusstsein und Lebensmut. Sie lernen zu unterscheiden zwischen ihrem Kind, das sie lieben und an dessen Lebenskraft sie glauben, und den Suchtmitteln, die sie ablehnen und nicht weiter unterstützen wollen. Diese konsequente Unterscheidung und das veränderte Familienklima hat erstaunliche Rückwirkungen auf den jugendlichen Abhängigen und ermutigt ihn zur Rückbesinnung auf seine Eigenverantwortung und dazu, den Weg aus der Sucht zu suchen. Immer wieder erfahren Eltern von ihren ehemals süchtigen Kindern, dass die konsequente Haltung der Familie ihnen geholfen hat, auch die eigene Kraft wieder zu entdecken und einzusetzen gegen die Sucht.
So lernen Eltern durch Selbsthilfegruppen, ihre Co-Abhängigkeit abzubauen, aus der Resignation herauszufinden und die Verantwortlichkeit für das eigene Leben abzugrenzen zum Leben des Süchtigen.
Der Abhängige - aus der umklammernden und bevormundenden Sorge der Eltern entlassen - sucht jetzt seinen Weg in ein eigen- verantwortetes Leben, und wir Eltern können diesen Weg zwar begleiten , aber nicht für ihn gehen. Wir müssen Geduld haben, auch bei Rückfällen nicht verzweifeln und unserem Sohn, unserer Tochter immer wieder vermitteln, dass es nie zu spät ist und der Ausstieg aus der Sucht gelingen wird.
Von der Suchthilfe wünschen wir Eltern uns, dass sie nicht in mitleidvolle Co- Abhängigkeit verfällt und Schadensbegrenzung anbietet, sondern auch bei Umwegen das Ziel der Suchtmittelfreiheit nicht aus den Augen verliert. Süchtige brauchen unser Signal, dass sie nicht hilflos krank sind, sondern die Sackgasse der Selbstzerstörung verlassen können. Sie brauchen eine zukunftsorientierte Perspektive, die die Entscheidung zur Nüchternheit lohnend macht. Sie brauchen Unterstützung bei der Entdeckung und Entwicklung ihrer Fähigkeiten und bei der beruflichen Wiedereingliederung. Sie brauchen Angebote zur sozialen Integration, die außer einer befriedigenden Arbeit auch das Wohnumfeld und den Freizeitbereich umfasst und drogenfreie Beziehungen fördert. Und sie brauchen zuverlässige Begleitung in Krisensituationen, um den Rückfall in alte Gewohnheiten zu verhindern.
Das Fundament aller Angebote ist die ” Hilfe zur Selbsthilfe ” und das Ziel ist die Unabhängigkeit vom Suchtmittel und vom Hilfesystem. Denn:
Suchthilfe ist Lebenshilfe - und hinter jedem Süchtigen verbirgt sich ein nach Freiheit dürstender Mensch, der ein Recht hat auf Entwicklung seiner Fähigkeiten und auf selbstbestimmtes Leben.
Brigitta Reitz
(Ehem. Vorsitzende des Bundesverbandes der Elternkreise Drogengefährdeter und Drogenabhängiger Jugendlicher e.V.)