Die Stille Katastrophe
Vorabdruck aus: Die Stille Katastrophe
Der Autor befasst sich zur Zeit mit Sucht- und Drogenproblemen und deren aktuellen Ausprägungen vor allem unter Kindern und Jugendlichen.
Wir veröffentlichen einen knappen zusammenfassenden Auszug aus dieser Arbeit. Hierin geht es vor allem um die Frage, was eigentlich das aktuell Neue an gegenwärtigen Tendenzen von Drogenkonsum und Sucht ausmacht und was demzufolge die Nicht – Vergleichbarkeit mit früheren Epochen bedingt.
Dr. Rainer Eckert, Frankfurt am Main
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Vorläufiges Resümee
Sucht- und Drogenprobleme sind im Fluss, immer wieder zeichnen sich hier und da Modifikationen bisheriger oder neuartige Entwicklungen ab. Doch auch im Chaos gibt es relativ stabile Grundstrukturen, und diese können meiner Auffassung nach für die heutige Zeit und für unsere gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen recht genau angegeben werden.
Worauf also lässt sich ein, wer sich auf die Themen Drogen, Sucht und Prävention einlässt ?
Ad 1. Drogen werden weltweit produziert und vertrieben. Die Märkte werden von denen organisiert und kontrolliert, die an den phantastischen Gewinnen aus diesem ökonomischen Sektor unmittelbar interessiert sind oder mittelbar davon profitieren. In die globale Drogenökonomie sind private Produzenten, Händler, Finanziers, Logistikfachleute, Sicherheitsexperten, Wissenschaftler, Techniker aus den unterschiedlichsten Ländern ebenso involviert wie transnationale Konzerne der organisierten Kriminalität, mächtige politische Kräfte in hochentwickelten Staaten, ‘Clans’ und ‘Familien’ in vielen ökonomisch schwachen Weltregionen, auch Staaten und deren Regierungen nebst Geheimdiensten und Armeen, auch Diplomaten sowie sogenannte ‘Nicht - Regierungs - Organisationen’ aus vielen Ländern.
Dieser in sich widersprüchliche, von innerer Konkurrenz durchsetzte, von wechselseitigem Kampf bis zum Krieg geprägte globale Drogen - Politik - Komplex folgt als übergeordnetem Prinzip seinem einzigen Zweck: der Sicherung seiner gigantischen Gewinne. Dafür erforderliche Strukturen und Mechanismen durchdringen heute jedes Land der Erde, jede gesellschaftliche Sphäre, sie unterhöhlen soziales Zusammenleben bis in einzelne Regionen hinein, bis in einzelne Städte und Gemeinden, bis in Schulen, bis in Freundeskreise, bis in Familien. Sie untergraben Leben und Glück zahlloser menschlicher Individuen.
Die globale Drogenökonomie ist die objektive materielle Basis des weltweiten Sucht- und Drogenproblems in seinen heutigen Dimensionen, sie determiniert Inhalte, Strukturen und Mechanismen von Drogenkonsum, von Sucht, Krankheit und Mortalität von Hunderten von Millionen, sie bestimmt das Wesen der Sache.
Ad 2. In jedem Land der Erde, dort wiederum in jeder sozialen Schicht gibt es je unterschiedliche Ausprägungen des Drogenproblems wie auch der Entstehung und der Verlaufsformen von drogengestützten Suchterkrankungen. Kulturelle Traditionen, ökonomische Potenzen, politische Vorgaben, soziale Bedingungen jeder Weltregion, jedes Landes wie auch der Angehörigen sozialer Schichten haben beträchtlichen Einfluss auf Formen und Ausmaße von Drogenkonsum und Suchterkrankungen. Diesbezüglich verbietet sich jede schematische Gleichsetzung: der wohlhabende Akademiker in München, der sich zwecks ‘Erweiterung seiner Erfahrungen’ zum dauerhaften Kokainkonsumenten oder -abhängigen entwickelt hat, hat nichts gemeinsam mit der koksenden Prostituierten in New York, die damit vergebens versucht, ihrem Elend temporär zu entkommen. Er hat auch nichts gemeinsam mit dem arbeitslosen Alkoholiker in Rostock und nichts mit dem Kiffer im 11. Schuljahr in Frankfurt am Main, den seine verzweifelte Mutter wegen akuter psychotischer Erkrankungen gerade in eine Klinik einweisen lassen muss.
National und sozial bedingte Unterschiede sind auch in anderer Hinsicht relevant: der wohlhabende Akademiker hat eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit auf Heilung in einer renommierten Klinik als die Prostituierte, der Arbeitslose, der Schüler. Und der Kokser im Rhein - Main - Gebiet hat im Unterschied zum Straßenjungen in Rio de Janeiro die nächste kompetente Klinik um die Ecke.
Gemeinsam ist den Hunderten von Millionen von Abhängigen und Süchtigen in aller Welt allerdings unabhängig von ihrer Nationalität, ihrer kulturellen Traditionen und ihrer sozialen Stellung, dass sie alle Nutzer oder Opfer des globalen Drogen - Politik - Komplexes sind: dieser spielt, seinen eigenen Zwecken folgend, unerbittlich die Melodie, nach der jene zu tanzen haben. Dieser und nur dieser setzt die wesentlichen Bedingungen. Die Übergänge zwischen Nutzern und Opfern sind bekanntlich fließend, dies wiederum auch unabhängig von nationalen, kulturellen und sozialen Determinanten.
Ad 3. Alkoholkonsum ist eine bei uns sehr lange bekannte Suchtform. Kulturelle Traditionen spielen hierbei eine nicht unwichtige Rolle, soziale Faktoren von Konsum und Abhängigkeit sind seit gut zweihundert Jahren bekannt, geschlechts- wie auch altersspezifische Differenzen werden zunehmend verstanden, genetische Dispositionen in jüngerer Zeit besser erforscht. Alkoholkonsum und -sucht schädigen die Gesundheit von Zehntausenden jährlich und erzwingen gewaltige finanzielle Folgekosten. Der Vertrieb von Alkohol ist eine wichtige Komponente staatlicher Steuereinnahmen. Nikotinkonsum ist, wenn auch mit völlig anderer geschichtlicher Herkunft des Tabaks, hinsichtlich Ausmaßen, Ergebnissen, Opfern und Profiteuren vergleichbar mit Alkohol.
Auf diesen gleichsam ‘alten’ Süchten haben in unserem Land in nur gut einer Generation relativ neue Formen aufgesetzt, die bestimmte für heutige Verhältnisse charakteristische Züge der Drogen- und Suchtproblematik in neuer Qualität hervorgebracht haben. Stellvertretend seien folgende Aspekte notiert.
Medikamentengebrauch und -abhängigkeit - als Möglichkeit existent, seit es Medikamente gibt, und Wege vom Arzneimittel zur Droge und umgekehrt sind seit dem Altertum bekannt - konnte sich zum Massenphänomen erst entwickeln mit dem Aufschwung der industriellen Fertigung von Pharmazeutika, die wie Lebensmittel, Kleidung oder beliebige andere Waren vermarktet werden. Ärzte schätzen, dass mindestens die Hälfte aller Erwachsenen bei Beschwerden zunächst sich nicht nur selbst ‘ärztlich untersucht’, diagnostiziert, sondern auch selbst therapiert und medikamentiert. Verständlich in einem Land, in dem es ausgefeilte Werbung für jede ‘Variante’ des Kopfschmerzes und eben auch Apotheken an jeder Ecke gibt, in denen die Mittel zum legalen Gebrauch vorrätig gehalten werden. Untersuchungen an Gymnasiasten der Oberstufe verweisen auf Indizien, wonach rund zehn bis fünfzehn Prozent der Alterskohorte der Sechzehnjährigen regelmäßig Medikamente nehmen, wohlgemerkt ohne ärztliche Verordnung.
Cannabiskonsum und -abhängigkeit sind in der vorliegenden Arbeit mehrfach unter verschiedenen Gesichtspunkten behandelt worden. ‘Die alte Kulturpflanze Hanf’ hat seit rund dreißig Jahren in Form von Haschisch und Marihuana in unserem Land eine epidemische Ausbreitung unter Jugendlichen erfahren. Mittlerweile werden durchaus schon Klassen in der Oberstufe von Gymnasien statistisch untersucht, in denen mehr Schülerinnen und Schüler kiffen als trinken. Das beliebte ‘Argument’, wonach ‘Alkohol schlimmer verbreitet als Hasch’ sei, könnte damit bald überholt sein, mindestens im sozialen Milieu älterer Gymnasiasten. Da Hasch, im Unterschied zu Alkohol, durchaus auch vor Schulbeginn und in Pausen konsumiert wird, sind Auswirkungen im Unterricht, bei Klausuren, in anderen Prüfungen jedenfalls für erfahrene Lehrer kein unbekanntes Phänomen mehr. Entsprechendes gilt für Hasch beim Autofahren, bei der Arbeit [und große Industrie- und Verkehrsunternehmen, Banken usw. bauen zunehmend eigene Abteilungen für Suchtprävention auf], in Ausbildungskompanien der Bundeswehr, im Amateur- und erst recht auch im Profisport.
Kokain, als Modedroge in Künstler-, Intellektuellen- und Offizierskreisen schon seit langem bekannt, ist erkennbar auf dem Weg zur Massendroge. Synthetische Substanzen sind dem Kokain, was die Verbreitung vor allem unter Jugendlichen betrifft, derzeit noch weit voraus. Auch Süchte ohne Drogengebrauch sind derzeit auf dem Vormarsch: Spielsucht, gestörtes Essverhalten, Kaufsucht, Mediensucht und zahlreiche weitere.
Niemand, der sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzt, kann mehr die Augen davor verschließen: Dieses Land hat massive Suchtprobleme. Wir leben in einer süchtigen, in einer suchtfördernden, in einer suchterzeugenden Gesellschaft. Kein gesellschaftlicher Bereich ist davon frei. Jeder gesellschaftliche Bereich wirkt seinerseits als dynamischer Faktor im Komplex von Drogen und Sucht.
Ad 4. Was hat sich in nur gut einer Generation seit etwa dreißig bis vierzig Jahren in Deutschland getan ? Was ist neu an der auf die ‘alten Süchte’ aufgesetzten neuen Qualität der Sucht- und Drogenproblematik ?
• Neu ist die große Zahl an Drogen, die in der Geschichte der Menschheit zuvor unbekannt waren, und neu ist die Entwicklungsrate, also die Geschwindigkeit, mit der neuartige Drogen auf hohem Niveau synthetisiert werden. Es ist aus meiner Sicht nicht übertrieben, von einer wissenschaftlich-technischen Revolution in Drogenproduktion und Drogendistribution zu sprechen. Wenn man bedenkt, dass Ärzte und Wissenschaftler seit gut zweihundert Jahren physische und psychische Wirkungen von Alkohol und Nikotin auf Menschen erforschen und noch längst nicht alles darüber wissen, dann muss man allergrößte Befürchtungen hinsichtlich möglicher Entwicklungen haben. Aus dem Ruder laufende Auswirkungen von Medikamenten beschränken sich mutmaßlich nicht auf legale Pharmazeutika allein.
• Neu sind die materiellen Mittel, die der Drogenökonomie ihre heutige Universalität überhaupt erst ermöglichen. Produktion und Vertrieb, Transport und Finanzwesen, Kommunikation und Sicherheit: all das vollzieht sich heute auf höchstem technologischen und logistischen Niveau. Opiumschmuggler vergangener Jahrhunderte, die den Stoff noch auf ihrem Rücken durch den Himalaya von Indien nach China schleppen mussten, hätten Tränen der Rührung in den Augen, wenn sie das noch hätten erleben dürfen.
• Neu ist der auf den wissenschaftlich-technischen Umwälzungen beruhende epidemische Charakter des Konsums von Drogen, der trotz kurzzeitiger konjunktureller Schwankungen zu konstatieren ist. Jede Droge, die heute irgendwo auf der Welt entwickelt wird und damit existent ist, ist gleichsam am nächsten Tag in jedem beliebigen Winkel der Erde erhältlich. Da haben die Spezialisten noch nicht einmal die vorherige Modewelle begriffen, schon ist der Folgetyp zur Stelle. Die zeitliche Abfolge von Moden in der Kleidung oder bei Autos bewegt sich demgegenüber eher gemächlich. Und der Umgang mit Epidemien gehört aller Erfahrung nach nicht zu den stärksten Leistungen heutiger Generationen.
• Neu ist als Bestandteil epidemischer Ausmaße die Auflösung früherer sozialer ‘Umrandungen’ von Konsummustern, die auf ihre Art auch eine Funktion von Eingrenzung, sogar von Schutz externer sozialer Gruppen, von Handhabbarkeit und Eingriffsmöglichkeiten hatten. Der ‘koksende Künstler’ und der ’saufende Prolet’, das war einmal. Heute trinkt, raucht, schluckt, spritzt jeder alles und kann es auch, wenn er denn will, sowohl infolge unbegrenzter Verfügbarkeit der Mittel, als auch infolge jederzeit möglicher Finanzierbarkeit. Auf unterster Ebene, bei Konsumenten und Abhängigen, tritt das Phänomen dann als heute offenkundig drastisch zunehmender Mehrfach- oder Vielfachkonsum auf.
• Neu ist als besonders schwerwiegende Auflösung früherer sozialer Begrenzungen die dramatische Verjüngung von Konsumentengruppen. Sind schon die Auswirkungen alter und neuer Drogen und Konsummuster auf Erwachsene noch nicht wirklich umfassend erforscht, so ist erst recht noch weithin unbekannt, was aus Kindern und Jugendlichen wird, die teilweise schon vor, auf jeden Fall in der Pubertät und in den Phasen des Erwachsenwerdens verschiedenste Drogen nicht selten in beträchtlichen Mengen konsumieren. Niemand darf behaupten, physische und psychische Auswirkungen auf Heranwachsende seien bekannt. Sie sind nicht wirklich bekannt und können es auf noch längst nicht hinreichend gegebener oder untersuchter empirischer Basis auch nicht sein. Die Rede von der ‘Harmlosigkeit’ von Cannabis und ähnlichem ist allein schon aus diesem Grund nicht mehr als eine zynische Lüge.
• Neu sind gesellschaftliche Bedingungen, die Drogenkonsum in großem Umfang offenkundig zu befördern scheinen. Ausgefeilte und raschem modischen Wechsel unterworfene Life Style - Konzepte unter Einschluss von Mustern wie ‘Ich will alles und zwar sofort’. Sprachverarmung bis zu Sprachverlusten unter paralleler Verwendung von PlayStation, Handy und elektronischen Netzen als ‘Informations- und Kommunikationsinstrumente’. Druck, Dauerstress, krank machende Belastungen in nicht wenigen Bereichen von Ausbildung, Arbeit und Alltagsleben und der ‘Griff zum schnell wirkenden Mittel’. Inhaltsleere Urlaubs- und Freizeitangebote mit garantiertem ‘Feiern bis zum Abwinken’. Mangel an und Abwesenheit von realer Partizipation in wesentlichen gesellschaftlichen Bereichen, dafür Talkshow- und ‘Sagen Sie Ihre Meinung am Telefon’ - ‘Demokratie’. - Unsere Gesellschaft bietet in schier unüberschaubarer Vielfalt, in hektischem Wechsel, in überwältigendem Design statt wirklichem Leben Symbole, Formeln, künstliches Licht, Surrogate, Extrakte, Substitutionen, dies alles wahlweise in Form von Substanzen, Verhaltensweisen, Wertungen und Haltungen, spezifiziert für alle sozialen Schichten, für alle Altersstufen, für die Geschlechter: worüber eigentlich wundern wir uns noch in Sachen Drogen und Sucht ?
• Neu schließlich ist, dass alle hier ohne Anspruch auf Vollständigkeit genannten neuen Prozesse nicht nur existieren, sondern sich auch neu kombinieren. Die Gesamtheit ist mehr als die Summe. Es wirken qualitativ neue Momente aufeinander ein, verstärken oder schwächen sich, bringen durch ihre Wechselwirkungen neue Erscheinungen hervor und veraltete Phänomene zum Verschwinden, sie schaffen einen universellen dynamischen gesellschaftlichen Drogen - Politik - Komplex, eine ökonomisch - politisch - kulturelle ‘Lotion’, die in jede noch so kleine gesellschaftliche Öffnung zu sickern und dort zu wirken scheint, einen ‘Kleister’ einer scheinbar unaufhaltsamen ‘Moderne’.
Ad 5. Es müssen einflussreiche gesellschaftliche Kräfte sein, die den Prozess in unserem Land tragen, stützen, absichern, rechtfertigen, weil sie von ihm profitieren. Anders ist nicht zu erklären, dass die Probleme exponentiell zunehmen und dennoch effektive Gegenmaßnahmen nicht energisch betrieben werden, obwohl Fachleuten Umfang, Dynamik und menschliche Dramatik des Gesamtprozesses durchaus bekannt sind.
Transnationale Drogenkonzerne sowie deren Abteilungen in Deutschland und Europa sind sicher wesentliche materiell - ökonomische Basis dieser Kräfte. Ihnen aggregiert sind in Umfang und Bedeutung signifikante Konglomerate, ‘informelle Netzwerke’ in und zwischen Bereichen von Politik und Justiz, Medizin und Sozialarbeit, Wissenschaft und Technik, Kommunikation und Security, Werbung und Medien, Bildung und Kultur und anderen. Zahlreiche Wissenschaftler, Politiker, Juristen, Mediziner, Lehrer, Sozialarbeiter, Journalisten, Künstler und andere mehr, darunter nicht selten auch ‘renommierte VertreterInnen ihres Faches’ sind hierbei nicht einfach nur nützlich für die Profiteure des gigantischen Geschäfts, sondern zur Absicherung des ökonomisch - politischen Gesamtkomplexes durchaus notwendig. Sie sorgen für den ständigen Transport der Botschaft ‘Drogen ? Alles halb so schlimm !’ hinein in die Gesellschaft.
Manche politische Strömung mag durchaus auch Interesse an jugendlichen Generationen besitzen, deren Köpfe, darunter oft die besten, annähernd permanent zugedröhnt sind. ‘Friedliche Kiffer’ gelten nicht eben als politisch kompliziert. Unser Land, mehr noch andere europäische Länder haben in jüngerer Zeit schon unruhigere Stimmungen unter Studierenden und Intellektuellen erlebt als heute. Die Love Parade in Berlin und anderswo als angeblich politische Veranstaltungen, als sogenannte ‘Demonstrationen’ dokumentieren hingegen das heute tatsächlich erreichte Niveau. Mit ein bisschen Gras, Speed und XTC im Marschgepäck kann man diese jungen Leute offensichtlich relativ unkompliziert über den Washington Square, durch den Arc de Triomphe, vorbei an Big Ben oder unter dem Brandenburger Tor hindurch in die weite Welt hinaus schicken. Ein durchaus reizvoller Aspekt für manche.
Ad 6. Potentielle Gegentendenzen gegen die machtvollen Interessenkonglomerate sind schwach, und dies aus strukturellen Gründen wie folgenden. Es gibt mehrere Millionen Drogenkonsumenten in unserem Land, unter Einbeziehung aller legalen wie illegalen Substanzen dürfte es sich um reichlich mehr als die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung handeln. Sie haben keinen Grund, sich gegen Drogen auch nur zu äußern. - Es gibt zur Zeit etwa zehn Millionen Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis zwanzig Jahren. Aus verschiedenen Gründen darf man diese gesamte Population für die Argumentation gar nicht heranziehen, doch kann man sehr großzügig schätzen, dass es damit höchstens zehn Millionen Elternpaare gibt, die mit Blick auf ihre Kinder überhaupt Anlass hätten, sich gegen Drogen auch nur zu äußern. Wie viele dieser potentiell in Frage kommenden Elternpaare wollen oder können sich gegen Drogen artikulieren ? - Es gibt bekannte Auflösungen von früher bedeutsamen sozialen Milieus oder von früher üblichen Lebensformen. Arbeiterwohngebiete oder bürgerliche Wohngegenden in Städten, ländliche Lebensgemeinschaften, traditionelle Familienstrukturen hatten alle ihre je spezifischen Standards an zunächst einmal wechselseitiger Wahrnehmung und Kenntnis, an wechselseitiger Verantwortung, an wechselseitigem Respekt und Achtung, an daraus entspringender Unterstützung und Solidarität in Notsituationen. Es scheint, dass neue stabile Strukturen bislang weithin nicht an die Stelle der alten getreten sind, dass insbesondere Verantwortung, Respekt und Solidarität als soziale Normen weithin verschwunden und ohne tragfähigen Ersatz verloren sind. Es ist für Nachbarn, Kollegen, Freunde heute keine übliche Verhaltensweise mehr, sich um ‘einen von ihnen’ zu kümmern. Warum sollten sie es tun, wenn ‘einer von ihnen’ Probleme mit Drogen hat ?
Bei dieser Sachlage ist es nicht verwunderlich, dass politische Organisationen wie Parteien die Dinge bestenfalls treiben lassen. Man kann als Gesundheitspolitiker ohnehin nur schwer Karriere machen, hat man sich doch ständig mit Ärzteverbänden und Krankenkassen anzulegen, was wenig Ruhm verspricht. Ganz sicher jedoch ist die Profilierung als gegen Drogen engagierte Politikerin weder öffentlichkeitswirksam, noch karrierefördernd. Die ‘Drogenpolitik’ der Partei XYZ ist deshalb auf allen Ebenen unvermeidlich eine ‘One Woman - Show’ [und noch seltener eine ‘One Man - Show’]. Was für einzelne Politikerinnen gilt, gilt erst recht für ganze Parteien und Regierungen. Man stelle sich kurz vor, ein amtierender Bundeskanzler sei tatsächlich ein Gegner von Drogen, kündigte kurz vor einer Bundestagswahl öffentlich effektive Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Drogen an und stützte sich dabei argumentativ auf eine fundierte Analyse der realen Situation in Sachen Drogenkonsum und Sucht. Was wären absehbar die Folgen ? Er hätte unmittelbar die Mehrheit der Presse, bedeutsame Juristen, maßgebliche Mediziner, in der Rolle gewichtiger ‘Drogenforscher’ auftretende Soziologen und zahlreiche weitere Persönlichkeiten und ihre Organisationen gegen sich, eine öffentliche Kampagne gegen einen solchen Bundeskanzler würde mühelos aus dem Stand organisiert, seine Zahlen würden bestritten, der Inhalt seiner Analyse in der Luft zerfetzt, seine Schlussfolgerungen lächerlich gemacht, sein angekündigtes Programm als ‘absehbar wirkungslos’ verhöhnt. - Insgesamt also kein Grund für Parteien, für Gesundheitspolitiker und für Bundeskanzler, sich über wolkig formulierte ‘flammende Bekenntnisse’ hinaus gegen Drogen zu äußern, geschweige denn, real etwas gegen Drogen zu unternehmen.
Kirchen sind Zusammenschlüsse gläubiger und guter Menschen und deshalb gegen Drogen. In der Tat habe ich als Atheist höchsten Respekt vor den karitativen Hilfseinrichtungen der beiden großen christlichen Kirchen. Sie beziehen als Organisationen durch ihre Leitungen mitunter Stellung gegen Drogen, äußern sich auch in ihren Publikationsorganen entsprechend, haben gelegentlich in diesen Fragen kompetente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sind in großen Notfällen oft auch seelsorgerisch tätig. Sie betreiben selbst und unterstützen mit beträchtlichem finanziellen Aufwand Beratungsstellen, Entziehungs- und Therapieeinrichtungen, nachsorgende Maßnahmen und andere Hilfsangebote. Zumeist allerdings wird all dies finanziell unterstützt aus staatlichen Haushalten oder ist eng integriert in staatliche Drogenhilfestrukturen, daraus entspringende Abhängigkeiten rufen in der Regel Deformationen einer konsequent abstinenzorientierten Drogenpolitik hervor.
Zu erwähnen sind schließlich zahlreiche Selbsthilfegruppen von betroffenen Drogenkonsumenten, von Süchtigen, von ehemaligen Süchtigen, von Angehörigen von Suchtkranken. Es gibt sogar entsprechend angelegte Organisationen zum Teil mit regional und von den Tätigkeitsfeldern her breiten Wirkungsradien. Diese sind in der Regel abstinenzorientiert, beziehen am deutlichsten Stellung gegen die scheinbar unaufhaltsamen Drogenwellen und sind deshalb eine wichtige inhaltliche und materielle Basis im Engagement gegen Drogen. Zunehmend allerdings bringt die ‘Akzeptierende Drogenarbeit’ verschiedenster Ausprägung ihre je eigenen Selbsthilfegruppen hervor, was den an sich positiven Effekt des Selbsthilfe - Sektors deutlich bricht und minimiert.
Ad 7. Den gesellschaftlichen Strukturen aufgepfropft sind ideologische Leitbilder, ‘Masken’, zwecks Verhüllung realer Bedingungen. Diese liefern zunächst die ‘Benutzeroberfläche’, mit der zu tun hat , mit der sich auseinandersetzen muss, wer sich gegen Drogen und Sucht zu engagieren beabsichtigt.
[ … ]
Drogen und Sucht in Deutschland zu Beginn des Dritten Jahrtausends: Offenes Operationsfeld transnationaler Drogenkonzerne. Einflussreiche politische Tendenzen in allen gesellschaftlichen Bereichen, die wie verbrämt auch immer für Förderung, mindestens für Duldung und Hinnahme von Drogenkonsum eintreten und offen, mehr noch im Hintergrund dafür wirken. Hemmungslose Drogenpropaganda im Internet, massive plumpe und subtile Werbung für Drogenkonsum nicht nur in der vielfältigen ‘Untergrund’presse, sondern auch in durchaus angesehenen Medien. Weit und breit keine relevante politische Kraft in Sicht, die auch nur zu klarer Artikulation, zu aktivem Engagement bereit, geschweige denn zur Entwicklung und Durchsetzung effektiver Anti - Drogen - Konzepte in der Lage wäre. Ein weitgehender Verlust an sozialer Verantwortung. Allenfalls Teile der Kirchen, allenfalls abstinenzorientierte Selbsthilfegruppen und Selbsthilfeorganisationen als schwache Gegengewichte in einem Meer von Permissivität.
Keine Hoffnung ? Keine Perspektive ? Kurzfristig sicher nicht, rasche Umschwünge sind keinesfalls zu erwarten. Doch Resignation ist fehl am Platze. [ … ] Wenn Einzelne und wenn relevante Teile der Gesellschaft kraft eigener Erfahrung zu der Auffassung kommen, dass ökonomische, politische, soziale und moralische Folgekosten von Entwicklungen zu hoch, im Sinne des Wortes nicht mehr erträglich sind, dann werden unvermeidlich Kräfte und gesellschaftliche Bewegungen gegen derartige Evolutionen entstehen.
Großbritannien hat seine Drogenpolitik ändern müssen, Schweden hat seine Drogenpolitik ändern müssen, in den Niederlanden zeichnen sich - wenn auch heute noch schwache - Linien solcher erzwungener Tendenzen als möglich ab. Was ist diesbezüglich an Möglichkeiten in unserem Land zu erwarten ? Ausweitungen komplexer Konsum- und Suchtprobleme nebst ihrer Folgen, die Duldung, Ignoranz und Schweigen nicht über ein bestimmtes Maß hinaus zulassen. Zunehmend betroffene Schichten und Ausweitungen ihrer sozialen Umfelder, die subjektive Möglichkeiten von Widerstand erzeugen können. Derzeit noch sehr kleine, jedoch nicht zu übersehende Anzeichen von Umorientierungen unter Fachleuten und in seriösen Medien wie einigen Fachzeitschriften. Nicht zuletzt Erfahrungen in Vortragsveranstaltungen etwa an Schulen, dass Thesen, Inhalte und [drogen-] politische Orientierungen auf der Basis der vorliegenden Arbeit durchweg offene Zustimmung bei Eltern, bei der Mehrheit von Lehrerinnen und Lehrern, bei zahlreichen Schülerinnen und Schülern finden.
DIE NACHT HAT ZWÖLF STUNDEN, DANN KOMMT SCHON DER TAG.