IGAR-Stellungnahme zum möglichen Ende des Heroin-Versuchs
20. Februar 2007
1. Seit Ende des Jahres 2006 geht durch die Presse, dass die so genannte Heroin-Studie nach ihrem geplanten Abschluss mit Ablauf jenes Jahres auch tatsächlich beendet werden soll.
Seither häufen sich Berichte, Stellungnahmen, Appelle und Eingaben von verschiedenen politischen Seiten, aus dem Sektor der Suchthilfe, von Verbänden und Interessengruppen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, folgen alle diese Äußerungen bisher dem gleichen Grundmuster:
Der medizinische Versuch, die Heroin-Studie also, sei “eindeutig erfolgreich” gewesen. Die Vergabe von Heroin an Süchtige sei besser für deren soziale und individuelle Lage als die Vergabe von Methadon. Eine Alternative gebe es nicht. Das Ende des Projekts sei ein Rückschlag für eine erfolgreiche Drogenpolitik. Die Einstellung der Heroinvergabe sei unmenschlich gegenüber Süchtigen. Wer statt Heroinvergabe auf den Weg abstinenter Rehabilitation setze, sei in Wirklichkeit ein Zyniker, dem das Schicksal der “Ärmsten der Armen” gleichgültig sei.
Alle derartigen Einlassungen sind offenkundig weit entfernt von einer rationalen Argumentation zu einem in vielerlei Hinsicht schwerwiegenden und komplexen Problem. Sie haben den einzigen Zweck, jede Kritik am Heroin-Projekt zu ersticken.
2. Von manchen Medizinern und Therapeuten, von einigen Gesundheits- und Sozialpolitikern sind wenigstens unter vier Augen besorgte Haltungen erkennbar. Viele sehen oder ahnen mindestens, dass mit dem eingeschlagenen Weg der Heroin-Vergabe eine abschüssige Bahn betreten wurde, deren Ende nicht absehbar ist. Sie befürchten, dass das Experiment Folgen haben kann, für die schon in wenigen Jahren niemand die Verantwortung übernehmen wird.
3. Tatsächlich hat es schon lange eine fundierte wissenschaftliche Kritik am bundesdeutschen Heroin-Experiment gegeben. Schon vor seinem Beginn hat eine internationale Expertenkommission der WHO bereits im Jahr 1999 eine gründliche Kritik gegen die seinerzeit entsprechend angelegte Heroin-Studie in der Schweiz formuliert. In dieser Studie werden alle relevanten kritischen Einwände gegen die Freigabe von Heroin dargestellt und begründet, die heute nach dem Medikamentenversuch in Deutschland mehr denn je Bestand haben. Dass die Betreiber der deutschen Studie diese Kritik beharrlich ignorieren, entspringt ihrem Interesse.
Auch in Deutschland haben kompetente Mediziner, Suchtexperten u.a.m. die deutsche Studie mit fundierter Kritik begleitet. Wesentliche Kritikpunkte sind u.a.:
• Der Heroinkonsum geht hierzulande wie in anderen ähnlich strukturierten Ländern seit Jahren kontinuierlich zurück. Entgegen der Behauptung der Unterstützer der Heroinvergabe hat das jedoch nichts mit der aktuellen deutschen Drogenpolitik und schon gar nicht mit dem Medikamentenexperiment zu tun.
• Schwerwiegende negative Erfahrungen mit der Freigabe von Heroin in verschiedenen Staaten (USA, Großbritannien, Schweden) werden von den Unterstützern der Studie nachhaltig geleugnet und verdreht.
• Die bundesdeutsche Studie hat ihre eigenen medizinischen und Test-Standards nicht eingehalten. Bei Sicherung der Haltequote wurde mit unsauberen Mitteln gearbeitet. Die Test- und Evaluationskriterien wurden, entgegen seriöser Praxis, niemals veröffentlicht, schon gar nicht vor Beginn der Studie.
• Die so genannten hervorragenden Ergebnisse wurden von Verantwortlichen bereits wenige Wochen nach Beginn des Experiments propagiert, als Ergebnisse seriös noch nicht erkennbar sein konnten. In den so genannten Abschlussberichten von 2006 werden belanglose Einzelvorgänge zu großen Erfolgen hochstilisiert.
4. Es ist anzunehmen, dass der Druck zur weiteren Fortsetzung der praktisch freien Vergabe von Heroin an Süchtige in den nächsten Wochen noch zunehmen wird. Damit ignorieren Verantwortliche großzügig die eigene Planung des Experiments, das Studien-Design. Politischer Druck auf der Basis unwissenschaftlichen Herangehens, auf der Grundlage nicht transparenter Planung und Durchführung und mit Bezug auf künstlich hochgespielte “Erfolge”: dies ist der Charakter der bundesdeutschen Heroin-Studie. Dass dies, neben vielem anderen, eine vernichtende Kritik am sonst so hoch gelobten Methadon-Programm ist, sei nur am Rande vermerkt. Aber über dieses Programm spricht ohnehin kaum noch jemand!
Es treffen sich hier zwei sonst eher gegensätzliche Interessen, die der Politik, denen es darum geht, Süchtige in eleganter Form von der Strasse zu holen und die bestimmter Bereiche der “akzeptierenden Suchthilfe” denen es um Arbeitsplatzsicherung geht sowie der Pharmaindustrie, der ein öffentlich finanziertes Experiment ermöglicht wird um Heroin als profitables “Medikament” salonfähig zu machen.
5. Jeder am Heroin-Experiment Beteiligte und jeder Verantwortliche behauptet, dass “selbstverständlich auch Abstinenz eine Option” sei. Wenn Probanden, also Süchtige, die im Rahmen der Studie kontinuierlich mit Heroin versorgt werden, “den Wunsch äußerten, zu entziehen und abstinent zu leben”, dann würde das “selbstverständlich unterstützt”. In einigen wenigen Einzelfällen sei das ja auch geschehen. Tatsächlich ist das gesamte Studien-Design, sind die praktischen Abläufe darauf gerichtet, Abstinenz unmöglich zu machen.
Die von den Unterstützern der Studie scheinbar verzweifelt gestellte Frage, was denn nun mit den Süchtigen geschehen solle, denen man jetzt die Heroin-Ambulanz wegnehme, ist sehr einfach zu beantworten:
• Man muss Süchtige als Menschen mit Respekt behandeln, man darf ihnen unter keinen Umständen suggerieren, sie seien hoffnungslose Fälle und sie seien nur noch fähig ein Leben zu führen, wenn sie auf unabsehbare Zeit am Tropf einer abhängig machenden Droge hängen.
• Süchtige als Menschen mit Würde und Respekt zu behandeln, heißt auch, dass die wissenschaftliche Fehlkonstruktion dieser so genannten Studie mitsamt ihren geschönten Ergebnissen offen eingestanden wird. Die einzige wirklich seriöse Konsequenz kann nur sein, das Experiment umgehend und dauerhaft einzustellen.
• Süchtige sind Menschen, denen wirksam geholfen werden muss und geholfen werden kann, wie zahllose erfolgreiche abstinenzorientierte Beispiele praktisch beweisen. Die für die Heroin-Studie bereits aufgewandten und für die Zukunft geplanten Finanzmittel von vielen Millionen Euro ermöglichten den Betroffenen einen qualifizierten Entzug, eine qualifizierte Therapie und den Start in ein gesundes, drogenfreies, individuell und sozial befriedigendes Leben. Darauf sind alle Anstrengungen einer humanen Drogenpolitik auszurichten. Dies ist die wirkliche Achtung von Menschenrechten!
Nicht zuletzt sei darauf hingewiesen, dass weniger als ein Prozent der Süchtigen in den „Genuss“ dieser fragwürdigen Behandlung kommen sollen. Am Drogenproblem ändert das nichts! Im Gegenteil, wirklich seriöse und erfolgreiche Behandlungsansätze werden diffamiert und herabgewürdigt.
IGAR 2/2007
Auf Wunsch schicken wir Ihnen gerne weitere ausführliche Informationen zu diesem Thema zu. info@abstinenz.org

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