Heroingestützte Behandlung Opiatabhängiger - Stellungnahme aus 2002 - auch heute noch aktuell
10. Februar 2007
Heroingestützte Behandlung Opiatabhängiger
- eine Stellungnahme des Neuen Landes -
Wir lehnen als Mitarbeiter des Neuen Landes das Projekt aus unserer abstinenzorientierten Grundüberzeugung und der damit verbundenen fachlichen Ausrichtung unserer Arbeit grundsätzlich ab.
Gleichwohl wertschätzen wir andererseits die Bemühungen der Mitarbeiter des Projektes insofern, dass wir die damit verfolgten Ziele wie gesundheitliche und psychische Stabilisierung, Zuführung in weiterführende Hilfen, etc. befürworten und ebenfalls verfolgen.
Anfrage zur Zielgruppe
Die Zielgruppe der Studie sollen Klienten sein, die vom Hilfssystem bisher nicht oder nicht ausreichend erreicht werden.
Dazu ist anzumerken dass zunächst einmal allein aus Kapazitätsgründen der Drogenhilfe dieser Stadt viele der geschätzten 5000 massiv Drogenabhängigen nicht bzw. nicht ausreichend erreicht werden.
Unserer Erfahrung nach gibt es keine klar definierbare Zielgruppe, die bislang nicht vom Hilfesystem erreicht wird. Es gibt keine gemeinsamen Merkmale der Menschen, die das Hilfessystem bislang nicht in Anspruch nehmen.
Täglich kommen Drogenabhängige in unsere Beratungsstelle, die alle Kriterien zur Aufnahme ins Projekt erfüllen.
D.h. die Frage, ob jemand vom derzeitig vorhandenen Hilfesystem erreicht wird oder nicht, ist von äußerlich messbaren Kriterien (Therapieabbrüche, erfolglose Methadonbehandlung, Dauer der Abhängigkeit) bzgl. der Schwere der Suchtmittelabhängigkeit völlig unabhängig.
Die Studie richtet sich aufgrund der Aufnahmekriterien aus unserer Sicht nicht an eine bestimmte klar erkennbare Zielgruppe, sondern stellt ein wenn auch kleines Angebot für einen doch großen Teil der Drogenszene dar.
Diese Tatsache wird bei der Darstellung in der Öffentlichkeit verschwiegen.
Anfragen an den wissenschaftlichen Anspruch
Wir unterstellen, dass ein schwer Heroinabhängiger kein wirkliches Interesse an der aktiven Teilnahme an einer wissenschaftlichen Studie hat, sondern ausschließlich Interesse am angebotenen Suchtmittel.
Derjenige, der zufällig in die Methadonkontrollgruppe kommt, wird noch weniger Interesse daran haben, sondern eher frustriert sein und vermutlich noch weniger zu einer aktiven Mitarbeit bereit sein.
Die Motivation zur Teilnahme an der Studie ist der Erhalt des Suchtmittels. Diese Tatsache ergibt sich automatisch aus der Zielgruppe.
Die Kontrollgruppe, d.h. die Gruppe der Abhängigen, die zufällig Methadon erhalten, ist im streng wissenschaftlichen Sinne keine echte Kontrollgruppe, weil die Teilnehmer, die nur Methadon bekommen wissen, dass sie die Kontrollgruppe darstellen.
Dies ist in wissenschaftlichen Untersuchungen unserers Wissens nach nicht üblich. Wir lassen mich aber hier gerne korrigieren.
Die Kontrollgruppe besteht strengenommen aus unfreiwilligen Methadonpatienten, die eigentlich Heroinpatienten sein wollen.
Ein unfreiwilliger Methadonpatient verhält sich anders, als ein freiwilliger.
Kurzum: Die massive Suchtmittelabhängigkeit der Probanden ist unserer Auffassung nach ein großer Störfaktor für den wissenschaftlichen Anspruch der Studie.
Wir befürchten, dass das tatsächlich wissenschaftlich-pharmazeutische Interesse im Rahmen der Studie eher eine untergeordnete Rolle spielt und vielmehr als Vehikel dafür dient, die kontrollierte Heroinvergabe mit Hilfe von sicherlich statistisch belegbaren Erfolgen im Bezug auf die gesundheitliche Stabilisierung und die Reduzierung der kriminellen Aktivitäten dauerhaft zu etablieren.
Anfragen an die Zielsetzung :
formuliert werden Ziele wie:
- Loslösung aus dem Drogenkontext
- Erhöhung der Erreichbarkeit und Haltekraft für die Therapie
- soziale Stabilisierung im Sinne der Aufnahme neuer drogenfreier Kontakte
- verbesserte Arbeitsfähigkeit
- die Aufnahme weiterführender Therapien
Der Annahme, dass das Mittel der Originalstoffvergabe an sich die betroffenen Personen weiterführenden Zielen näherbringt, glauben wir aufgrund unserer Erfahrungen mit Methadonsubstituierten und schlichtweg aufgrund der Dynamik der Sucht nicht.
Durch die Heroinvergabe an sich wird kaum eine Loslösung aus dem Drogenkontext erreicht werden oder zu weiterführenden Therapien motiviert werden.
Die Erfahrung mit Methadonsubstituierten zeigt, dass die Loslösung aus dem Drogenkontext dadurch selten gelingt.
Auch der möglichen Erhöhung der Erreichbarkeit und Haltefähigkeit für eine Therapie mittels Heroinvergabe stehen wir skeptisch gegenüber. Die Haltefähigkeit wird in erster Linie durch die Tatsache der körperlichen Abhängigkeit gewährleistet.
Heroinabhängigkeit macht es unmöglich, ein selbstbestimmtes Lebens in gesunden sozialen Beziehungen zu führen.
Heroinabhängigkeit ist Ausdruck einer zutiefst gestörten Beziehung des Abhängigen zu sich selbst. In der Folge sind seine Beziehungen zur Umwelt und zu anderen Menschen ebenfalls massiv gestört.
Soziale Stabilisierung im Sinne der Aufnahme neuer und vor allem drogenfreier Kontakte, verbesserte Arbeitsfähigkeit und Steigerung der Ausstiegsmotivation entscheidet sich nicht an der Alternative Substitut oder Originalstoff. Positiven Einfluss auf die Motivation zur Veränderung hat primär eine konstruktive psychosoziale Begleitung.
Bzgl. Drogenfreie Kontakte Wo ist ein gesellschaftliches Integrationspotential für ein Heroinabhängigen in Sicht?
Wir sehen einen Widerspruch in der Beschreibung der Zielgruppe einerseits und der hohen anvisierten Integrationsziele andererseits.
Das Ziel der Lösung von der Drogenszene kann nur durch eine neue Verankerung erreicht werden. Wie und wo kann ein Schwerstabhängiger, der vor sich selbst auf der Flucht ist, eine neue tragfähige soziale Verankerung entwickeln, während er weiterhin abhängig bleibt?
Die Aufnahme von Arbeit, das Beziehen einer eigenen Wohnung sind sicherlich erstrebenswerte und auch realisierbare Ziele die aber dauerhaft keinen Bestand haben, bzw. keine positive Veränderung in sich bewirken können, wenn die Sucht als Grundproblematik nicht behoben wird.
Viele Menschen haben wir vor Augen, die in die Beratungsstelle kommen und sagen: ich habe mir alles wieder aufgebaut, hatte Wohnung, Arbeit, Freundin, aber es ist alles wieder zerbrochen. Warum: Weil versucht wurde, dass Lebenshaus ohne Fundament zu bauen.
Ein tragfähiges Fundament bauen hieße, zunächst Frieden mit sich selbst zu schliessen, die Flucht in die Sucht zu beenden.
Anfrage an das Ziel der Überwindung der Abhängigkeit
Dieses Ziel bleibt in der Konzeption zumindest formal bestehen.
Hier stellt sich für uns folgende Frage: Wie kann ich in der Begleitung einem Klienten die eine Hand als Hilfe zur völligen Abstinenz reichen wollen, wenn ich ihm mit der anderen Hand gleichzeitig das gewünschte Suchtmittel gebe und damit seine Gefangenschaft in der Sucht stabilisiere?
Die Botschaft, die dadurch vermittelt wird, ist eindeutig zweideutig.
Die Ausstiegsmotivation eines Drogenabhängigen ist keine feste innere Grösse, vorhanden oder nicht vorhanden, sondern stets schwankend, mehr oder weniger stark in die eine oder andere Richtung tendierend.
Ausstiegsmotivation entsteht unserer Überzeugung nach ganz entscheidend dadurch, dass dem Drogenabhängigen
1. der Ausstieg erreichbar vor Augen geführt wird
2. er / sie sein Leben unerträglich findet
3. er / sie durch Menschen begleitet wird, die eine eindeutige und Hoffnung machende Botschaft vermittelt. “Du kannst es schaffen.” Ich habe Hoffnung für dich.
Diese notwendige hoffnungmachende Botschaft ist für Klienten der Studie aber gerade nicht mehr klar vernehmbar.
Das vorhandene resignative Moment des Ansatzes der Originalstoffvergabe kann unserer Meinung nach die ohnehin massiv vorhandene Resignation und Hoffnungslosigkeit bei dem Klientel eher noch verstärken, als dass es Antrieb zu einer Ausstiegsorientierung gibt.
Wenn die Studie trotz der beschriebenen Problematik bezüglich Ausstiegsorientierung und Integration positive Resultate zeigt, dann aufgrund einer qualitativ hochwertigen psychosozialen Begleitung.
Wir befürchten, dass die angestrebte qualitativ hochwertige und damit personal- und kostenintensive psychosoziale Begleitung, die ausschlaggebend für feststellbare positive psychosoziale Veränderungen bei den Probanden der Studie sein wird, bei Etablierung der Heroinvergabe als Baustein der Drogenhilfe nicht längerfristig finanzierbar sein wird und die Kriterien dann ähnlich wie bei der Instalierung der Methadonprogramme aufgeweicht werden.
Der Großteil der Methadonsubstituierten befindet sich, das ist hinreichend bekannt nicht in einer regelmäßigen psychosozialen Begleitung.
Anfrage an die Effizienz des Projektes
Eine sehr kritische Haltung haben wir deshalb gegenüber der Effizienz des Projektes.
Ohne Zweifel wird durch die Originalstoffvergabe der gesundheitliche Zustand verbessert und ein Rückgang des illegalen Drogenkonsums und der damit verbundenen Delinquenz erreicht.
Bezüglich dieser Hypothesen im Studiensetting bedürfte es keiner wissenschaftlich derart aufwendigen Untersuchung. Im übrigen sind diese Ergebnisse in anderen Ländern bereits zu Tage getreten.
Die enormen Kosten stehen unserer Überzeugung nach in keiner verantwortbaren Relation zum erwartbaren Erfolg und den Ergebnissen der Studie
Mögliche Auswirkungen für die Drogenhilfe bei Etablierung und Ausweitung der kontrollierten Heroinvergabe
Durch die legale Abgabe von Heroin besteht die Gefahr, dass die Drogenhilfe an die Gesellschaft folgende Botschaft vermittelt:
Wir, die Drogenhilfe akzeptieren Menschen in ihrer Entscheidung heroinabhängig bleiben zu wollen und unterstützen sie mit dem, was sie für ein menschenwürdiges Leben mit dieser Entscheidung benötigen d.h. das Suchtmittel und die menschliche Begleitung.
In dem Maße, wie ein solches Deutungsmuster von Heroinkonsum gesellschaftlich akzeptiert wird, sinkt konsequenterweise die Bereitschaft Drogenhilfe überhaupt finanzieren zu wollen.
Warum?
Das Verständnis von Sucht als maximal zerstörerischer Krankheit begründet den Hilfsanspruch des Drogenkranken.
Warum sollte aber die Gesellschaft die erheblichen Kosten für die Behandlung von Drogenabhängigen bezahlen, wenn Drogenabhängigkeit nicht länger eine Krankheit, sondern ein wenn auch exotischer Ausdruck von individueller Selbstbestimmung ist.
Wo die kontrollierte Heroinvergabe als erster Schritt in Richtung noch weitreichender Legalisierungsbemühungen verstanden wird, bzw. damit in Zusammenhang gebracht wird, erweist sie unserer Meinung nach der Drogenhilfe einen Bärendienst.
Wir wollen aber nicht in erster Linie gegen das Projekt der kontrollierten Heroinvergabe sein, sondern vielmehr unseren ausstiegsorientierten Ansatz verstärkt in der Diskussion verdeutlichen.
Menschlich und auch fachlich ist es nachvollziebar, dass sich auch im professionellen Umgang mit dem Klientel der langjährig Drogenabhängigen was das Ziel der völligen Abstinenz angeht, auf Dauer Resignation und Hoffnungslosigkeit einstellen kann.
Die Mitarbeiter des Neuen Landes als bewußt christlich ausgerichtete Einrichtung der Drogenhilfe schöpfen ihre Hoffnung für eine umfassende Heilung für schwerst drogenabhängige Menschen über das menschlich begründbare und machbare Maß hinaus aus der Gewissheit ihres Glaubens an einen persönlichen, sich um jeden einzelnen Menschen liebevoll bemühenden Gott.
Auch einer aus fachlicher Sicht maximal aussichtslosen Situation des Klienten begegnen wir im persönlichen Umgang mit der grundsätzlich unzerstörbaren Hoffnung unseres Glaubens.
Unzählige Klienten, die die formalen Voraussetzungen für die Aufnahme im Projekt der kontrollierten Heroinvergabe erfüllt hätten und die über die Jahre durch unsere Einrichtungen gegangen sind, konnten sich diese Hoffnung Stück für Stück zu eigen machen und auf dieser Grundlage und mit der begleitenden therapeutischen Hilfe ihrem Leben eine neue Ausrichtung geben und die völlige Drogenfreiheit erreichen.
Eberhard Freitag (Dipl. Pädagoge) Neues Land Juni 2002
Statement gehalten anlässlich eines Forums des kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsens zum Thema

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