Was Süchtige von Heroinstudie erhoffen / Nicht nur Euphorie
6. November 2006
Frankfurt Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.01.2003, Nr. 14, S. 47
“Weg von dem Dreckzeug, das draußen verkauft wird”
Als Kind sexuell missbraucht, begann sie mit 15 Jahren die verletzte Seele mit Alkohol und Haschisch zu betäuben. Nicht lange, da stieg sie auf harte Drogen um. Die heute Zweiundvierzigjährige ist inzwischen gesundheitlich völlig ruiniert, HIV-positiv, übersät mit Abszessen, Hautentzündungen und offenen Wunden. Mit Methadon komme sie nicht zurecht, das reiche ihr nicht, wie sie meint. Deshalb jagt sich die abgemagerte Frau Tag für Tag zusätzlich zum Methadon noch Heroin in ihren malträtierten Körper. Jetzt hofft sie auf den Heroinversuch, darauf, dass sie sich körperlich etwas erholt und Halt findet. Ein Paradebeispiel, wie Prüfarzt Abdolhamid Zokai weiß. Die Frau, die zudem seit ihrem sechzehnten Lebensjahr unter depressiven Störungen, Angst und Panikattacken leidet, gehört zu den ersten, die bereits für die Studie ausgesucht wurden.
Mit von der Partie sein wird auch der Vierzigjährige, der vor zwei Wochen ausgiebig von Ärzten untersucht wurde. Seit er fünfzehn ist, nimmt er, was der illegale Rauschgiftmarkt ihm bietet. Aus zerrütteten Familienverhältnissen stammend, der Vater ist Alkoholiker, wuchs er in verschiedenen Heimen auf, flog dort aber immer wieder raus. Der Mann hat keine Ausbildung, kann weder lesen noch schreiben. Ungefähr die Hälfte seines Lebens verbrachte er im Gefängnis. Bisher für keine Art von Therapie zugänglich, setzt er jetzt auf die Heroinvergabe. Von Methadon hält er nichts, hat Angst, davon abhängig zu werden. Jetzt will er von dem “Dreckzeug, das draußen verkauft wird”, loskommen.
Das sogenannte Straßenheroin wird mit den unterschiedlichsten Substanzen stark gestreckt, zum Beispiel mit pulverisierten Schlaftabletten. Nach Einschätzung von Fachleuten liegt der Reinheitsgrad auf der Szene derzeit bei um die neun Prozent. Außerdem werde oft mit den Mengen betrogen, 0,8 Gramm Heroin beispielsweise verkaufe der Dealer für angeblich ein Gramm, wie Insider berichten. Um seine Sucht zu befriedigen, braucht ein langjährig Heroinsüchtiger von dem Rauschgift auf dem illegalen Markt täglich zirka drei Gramm. Das heißt, Tag für Tag muss er um die 150 Euro zusammenbringen. Weil ein hochgradig Abhängiger also entweder Geld oder Drogen beschafft, ist mit der ärztlichen Heroinvergabe die Erwartung verknüpft, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.
Dennoch reagieren viele Süchtige alles andere als euphorisch auf die neue Perspektive. Diese Erfahrung machen derzeit Sozialarbeiter, die in Frankfurts Hilfseinrichtungen, vor allem in den Druckräumen, aber auch in Methadon-Ambulanzen nach Bewerbern für das Projekt suchen. Dort treffen sie zwar viele Junkies, die mit den bestehenden Hilfsmöglichkeiten keinen Weg in ein anderes Leben gefunden haben, doch die sind oft wenig von dem Modell zu begeistern.
Wer in einen Druckraum geht, hat ohnehin erst mal nur eines im Sinn: Er will seine nächste Spritze. Danach ist er entspannt und vielleicht für einen Dialog bereit. “Ach nee, da müsste ich hier bei euch rausgehen. Das will ich nicht”, meint einer im Krisenzentrum an der Elbestraße, wo es außer der Fixerstube eine Methadonambulanz für zirka 80 Süchtige, 17 Übernachtungsgelegenheiten und neun sogenannte Tagesruhebetten gibt. Ein anderer hat schon mal was von der Heroinstudie gehört und will sich die Sache durch den Kopf gehen lassen.
Ein Hauptgrund für solch distanzierte Reaktionen sind die deutlich veränderten Konsummuster. Crack hat Heroin verdrängt, der Kokain- Abkömmling ist zur Hauptdroge geworden. So beobachtet Wolfgang Barth, Leiter des Krisenzentrums an der Elbestraße, daß die Zahl der Rauschgiftinjektionen in dem Druckraum seiner Einrichtung im vergangenen Jahr weiter rückläufig war.
Die zunehmende Attraktivität von Crack erklärt Barth unter anderem damit, dass Kokain in dieser Form relativ einfach und überall zu konsumieren sei. Die Cracksteine werden auf eine spezielle Pfeife gelegt, dann kommt ein wenig Zigarettenasche darauf - um den Verbrennungsprozeß zu beschleunigen -, schließlich wird das Ganze mit einer großen Flamme angezündet. Anschließend werde die aufputschende Substanz mit tiefen Lungenzügen inhaliert. Das dauere gerade mal eine halbe Minute. Die Wirkung trete innerhalb von Sekunden ein, halte allerdings nur fünf bis zehn Minuten an. Danach begeben sich die Süchtigen nach seinen Worten sofort wieder auf die Jagd nach Nachschub. Man kann sich leicht ausrechnen, was ein Abhängiger an Geld braucht, wenn eine Dosis auf dem Schwarzmarkt mit zirka 50 Euro gehandelt wird.
Während Crack hellwach und unruhig macht, führt der Konsum von Heroin zu einem “wohlig warmen Gefühl”, wie Süchtige es beschreiben. Überdosiert oder entsprechend gestreckt, ist Schläfrigkeit die Folge. Dennoch scheint es auch eine Gemeinsamkeit der beiden Drogen zu geben. Heroinabhängige vergessen nämlich nie wieder den “absoluten Kick”, wie sie ihn nach der ersten Injektion hatten, den sie danach aber nie wieder erleben. Doch das Gefühl nach dem Rauchen von Crack nähere sich diesem ersten Erlebnis mit Heroin an, wie Barth schon oft von Abhängigen gehört hat. Dieser “Flash” soll sein wie “eine starke große Sonne, die aufgeht und wie ein Blitz einschlägt”. Eine Einunddreißigjährige fürchtet, sich für die Heroinstudie zu bewerben, dann aber in der Kontrollgruppe zu landen, die Methadon erhält: “Warum soll ich das Risiko eingehen, die Beratungsstelle wechseln zu müssen.” Da bleibe sie doch lieber in der gewohnten. Die Angst vor Veränderung ist bezeichnend für Süchtige. Im Falle des Modellversuchs kommt erschwerend hinzu, dass am Ende der Zufall entscheidet, wer Heroin und wer Methadon bekommt. Diese weiße Flüssigkeit ist zwar ein zuverlässiges Mittel gegen Entzugserscheinungen, doch das von den Süchtigen ersehnte starke Wohlbefinden, wie sie es vom Heroin und Crack kennen, bleibt aus.
Alle Augen werden sich bald auf die Abhängigen richten, die in der Heroinambulanz ein und aus gehen. So deuten Ergebnisse aus der Schweiz darauf hin, dass der Kokainmissbrauch der Projektteilnehmer im Laufe der Zeit zurückgeht. Ob sich das bewahrheitet, ist mehr als eine wissenschaftliche Frage. Denn gerade in Frankfurt hat sich eine Crack- Szene etabliert, was verheerende Auswirkungen hat. Mit der Gier nach dieser Droge sind ein rasanter körperlicher Verfall, Beschaffungskriminalität und Aggressivität verbunden. Die zunehmende Gewalt in den Hilfseinrichtungen macht auch den Sozialarbeitern dort immer mehr zu schaffen.
Hinkt der Modellversuch zur kontrollierten Heroinvergabe einerseits der Zeit hinterher, weil Crack das Heroin in seiner Bedeutung abgelöst hat, kommt er doch vielleicht noch rechtzeitig. Denn gegen den Kokain- Abkömmling gibt es noch längst kein Patentrezept.
Brigitte Roth

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