FR Artikel über die Forschungen von Dr. Uwe Kemmesies
6. November 2006
Ein Artikel der FRANKFURTER RUNDSCHAU vom 18.12.2002 über Dr. Uwe Kemmesies neueste Forschungen
Der FRANKFURTER RUNDSCHAU [FR] vom 18.12.2002 war, nicht zum ersten Mal, ein größerer Beitrag über Dr. Uwe Kemmesies zu entnehmen. Er ist laut FR Mitarbeiter des Instituts für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung an der Frankfurter Universität und Gründer eines “Centre for Drug Research“, welches jedoch “unabhängig von der Universität Aufträge akquiriert”.
“In Deutschland wird Drogenforschung vor allem aus medizinischer, psychiatrischer und pharmakologischer Sicht betrieben”, wird Kemmesies zitiert, was “zu einem verzerrten Blick geführt” habe. “Wir assoziieren Drogen immer mit Elend, dabei lebt der viel größere Teil der Konsumenten sozial völlig unauffällig”. Deshalb will “Drogenforscher” Kemmesies “nicht die Frage vergessen, die seiner Meinung nach im Mittelpunkt aller Beschäftigung mit Rauschgift steht: Warum nimmt ein Mensch zu einer bestimmten Zeit eine bestimmte Droge?”
Der Ausgangspunkt scheint nachgerade merkwürdig: seriöse Forschung über Drogen, also über psychoaktive Substanzen mit physiologischen Wirkungen in sozialen und individuellen Kontexten, hat sich selbstverständlich auf medizinisch-naturwissenschaftlich exaktem Boden zu bewegen. Auch kommt eine Position auf den ersten Blick eher rückständig daher, welche “Drogen immer mit Elend assoziiert”. Und die zitierte Frage, welche Kemmesies zufolge “im Mittelpunkt [sic !] aller [sic !] Beschäftigung mit Rauschgift” zu stehen habe, darf als Basis für eine ernsthafte Richtung der Forschung [!] eigentlich nicht durchgehen.
Womöglich aber ist dies alles nicht zum Nennwert zu nehmen. “Eines der Ergebnisse der Forschung” Kemmesies’ ist laut FR: “Die rechtliche Sanktion des Drogenkonsums durch den Staat spielt für den Gebrauch praktisch keine Rolle; darüber, ob jemand Drogen nimmt, entscheidet vor allem das ‚kulturelle Umfeld’ eines Menschen und das ‚Image’ eines Rauschmittels.”
Welche Überraschung. Wer die Herausbildung einer drogenkonsumierenden sozialen Schicht im Massenumfang in hochentwickelten Ländern Europas, Nordamerikas und Asiens in den vergangenen dreißig Jahren auch nur einigermaßen verfolgt hat, kennt die Metamorphose des bürgerlichen Trinkers früherer Jahrzehnte zum bürgerlichen Kiffer und zum bürgerlichen Kokser der ‚Moderne’ aus empirischer Anschauung wie aus theoretisch fundierten Untersuchungen hinreichend. Jede deutsche Familie hat schon seit vielen Jahrzehnten statistisch ihren je eigenen Alkoholiker. Jede deutsche Familie hat mittlerweile statistisch ihren je eigenen User diverser illegaler Drogen. Mechanismen des Zugriffs auf Drogen wie auch der sozial angepassten, also “unauffälligen” Verhüllung von Konsum und Konsumproblemen vor Freunden und vor der Familie wurden im gleichen Zuge modernisiert.
Kemmesies hat also “geforscht”, um herauszufinden, dass das Betäubungsmittelgesetz auf bürgerliche Rauschgift- Verbraucher keine nennenswerte Abschreckungswirkung zeigt. Bei der Bekanntgabe seiner “Ergebnisse” in der FR kann es sich eigentlich nur um eine gespielte Inszenierung handeln, sollte der “Forscher” doch seine soziale Forschungsumgebung gut genug kennen, um zu wissen: im [klein-] bürgerlichen Milieu unseres Landes gehören manifester Drogenkonsum und verlogene halböffentliche Distanz ebenso zusammen wie Unterwürfigkeit vor Autoritäten und lust-, wenn auch massvolles Brechen von gesellschaftlich-juristischen Regeln, sofern dieses nicht mit wirklichen sozialen und ökonomischen Verlusten sanktioniert wird.
Kemmesies hat schon vor mehr als drei Jahren in der Zeitschrift SUCHT Heft 2 / April 2000, eingereicht am 25.09.1999, “erste Ergebnisse eines Pilotforschungsprojekts vorgestellt, dessen empirischer Fokus auf das in der bundesrepublikanischen Drogenforschungslandschaft weitgehend ausgesparte Feld eines sozial integrierten Umgangs mit illegalen Drogen in gesellschaftlich etablierten Sozialkontexten gerichtet ist.” Und was er heute über die FR verlautbaren lässt, war schon damals Ergebnisstand seiner Pilotstudien, die auf der Basis einer Kohorte von “34 sozial integrierten Konsumenten diverser illegaler Drogen” beruhte.
Nein, man darf dies alles nicht zum Nennwert zu nehmen. Was als “Forschung” daher kommt, ist in Wirklichkeit nur ein intellektuell arg bescheiden verbrämter Tabubruch: Wenigstens einmal einen leicht degoutanten Sachverhalt ein wenig öffentlich aussprechen. Mehr ist es nicht, doch der deutsche Kleinbürger beginnt vor unbändiger Freude bereits zu jauchzen über seine Anpassung an den Zeitgeist.
Aufregend ist also nicht die Mitteilung des bekannten Sachverhalts, dass im bürgerlichen Milieu trotz juristischer Sanktionen geraucht, getrunken, gekifft, geschnupft, gespritzt und inhaliert wird, was das Zeug hält. Der eigentliche Skandal ist Kemmesies’ zentrale und von der FR auch entsprechend herausgestellte These: “Der viel größere Teil der Konsumenten lebt sozial völlig unauffällig.” Millionen Menschen allein in unserem Land mit riskantem bis exzessivem Gebrauch von Alkohol, Nikotin, Medikamenten, Cannabis, Kokain, synthetischen und weiteren Drogen aller Art. Hundertausende gesundheitlich durch derartigen Konsum dauerhaft Geschädigter pro Jahr. Zehntausende von Toten als ‚Preis’ für diese ‚Freiheit’. Jährlich Hunderttausende von Kindern und Jugendlichen mit drogen-induzierten Entwicklungsverzögerungen und teilweise irreparablen Entwicklungsstörungen.
Das alles soll “sozial unauffällig” sein ? Nur weil sich die meisten Opfer von Drogen nicht in offenen Szenen bewegen ? Nur weil vor allem die erfahreneren und die wohlhabenderen unter den “sozial integrierten Usern” raschen Zugriff auf Kliniken und Therapieeinrichtungen haben für den Fall, dass beim “völlig unauffälligen Koksen” doch einmal etwas schief gehen sollte ? Nur weil von Millionen sekundärer Opfer des Drogenkonsums nicht einmal die Rede ist: von Eltern und Geschwistern, Partnern und Freunden der “sozial unauffälligen Konsumenten” ? Nur weil vielfältige mit - de jure oder de facto entkriminalisiertem - Rauschmittelkonsum unvermeidlich verbundene menschliche Verletzungen, weil Gewalttätigkeiten zwischen einander an sich nahestehenden Menschen im übertragenen wie im wörtlichen Sinne, weil Dissoziationen sozialer Beziehungen von “Forschung” und Medien einfach ignoriert werden ?
Offenkundig reichen “34 sozial integrierte Konsumenten diverser illegaler Drogen” nicht aus, um denjenigen die Sprache zu verschlagen, die angesichts der empirisch zu konstatierenden Realität hier vor unser aller Augen von “sozialer Unauffälligkeit” reden. Da schlägt der kleine Tabubruch, für den sich ansonsten niemand weiter interessieren würde, in blanken Zynismus um, wird an anderen Stellen seinerseits zielgerichtet zur Begründung und zur Propagierung “sozial unauffälliger Konsummuster” eingesetzt und spielt auf diese Weise eine wichtige Rolle im Mechanismus von Werbung für, Handel mit und Konsum von Drogen.
Und das ist durch nichts zu rechtfertigen. Auch nicht dadurch, dass man zur “Sicherung seiner wissenschaftlichen Existenz … nach Sponsoren … intensiv Ausschau” halten muss, wie die FR den “Drogenforscher” Kemmesies abschließend zitiert.
S.A. Perea-Ude

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