Einige Effekte des Alkoholkonsums

6. November 2006

Meist wird die gesundheitliche Beeinträchtigung durch Alkoholkonsum verharmlost. Dass die Droge wegen ihrer Wirkung auf die Psyche süchtig machen kann, ist zwar weithin bekannt. Nur wird oft unterschätzt, wie viele Menschen schon ein Frühstadium des Alkoholismus erreicht haben. Dass Alkohol Leber, Gehirn und andere Organe angreift, wissen die meisten Menschen. Im Alltag kümmern sie sich darum aber wenig. Vielen ist auch gar nicht bewusst, dass schon das tägliche Glas Wein oder Bier einzelne Organe schädigen kann und das Risiko für Krebs erhöht. Dagegen schätzen wir die stimmungsfördernde Wirkung in geselliger Runde hoch.
Ambivalenz prägt die Alkohol-Aura: Einseitige Werbung unterstützt noch den unbekümmerten Umgang mit Alkoholika. Viele der in den letzten Jahren verbreiteten Meldungen, Rotwein etwa würde vor Herz- und Kreislauferkrankungen schützen, sind nur eingeschränkt wahr. Oft beruhen die Daten dazu nicht auf soliden wissenschaftlichen Forschungen, sondern sind schlecht abgesicherte Nebenergebnisse anderer Studien. Fatale Wirkungen von Alkohol, die gleichzeitig auftreten können, werden nur zu oft verschwiegen.
Besonders unverantwortlich ist es, solche Getränke anderen ohne ärztliche Rücksprache unbedenklich zur Unterstützung der Gesundheit zu empfehlen. Ein “Drink” am Tag scheint unter bestimmten Voraussetzungen zwar tatsächlich einer Arteriosklerose und damit Herzinfarkt und Schlaganfall entgegenzuwirken. Doch ist inzwischen auch erwiesen, dass andere Organsysteme unter dem Konsum leiden, sogar schon, wenn es sich nur um geringe Mengen handelt.
Die bei uns übliche Einstellung zum Alkohol ist längst ein gesellschaftliches Problem. Das betrifft nicht nur die beträchtlichen Krankheitskosten, sondern auch die weit reichenden sozialen Auswirkungen. Die leichtfertige Handhabe fördert den Missbrauch bis hin zur Trunksucht. Denn nicht jeder versteht es, mit berauschenden Getränken sozialverträglich und selbstverantwortlich umzugehen. Offenbar sind manche Menschen für Alkoholmissbrauch beziehungsweise für den krankhaften Alkoholismus anfälliger als andere.
Seit 1968 gilt Alkoholismus als Krankheit. Streng genommen fällt darunter noch nicht die rein psychische Alkoholabhängigkeit. Erst wer bei Enthaltsamkeit auch die typischen körperlichen Entzugssymptome zeigt, ist nach heutiger medizinischer Auffassung Alkoholiker. Das typische und wichtigste Symptom der psychischen Abhängigkeit ist der “Kontrollverlust”: Wenn er einmal zu trinken angefangen hat, kann der Kranke nicht mehr damit aufhören. Hat sich die Sucht einmal entwickelt, bleibt sie anscheinend bestehen – selbst nach jahrelanger Abstinenz: Auch der “trockene” Alkoholiker bleibt lebenslänglich krank. Hinzu kommt als Merkmal der psychischen Abhängigkeit das starke, oft unbezwingbare Verlangen nach Alkoholika. Die körperliche Abhängigkeit äußert sich zum einen darin, dass der Betroffene am Anfang scheinbar immer mehr Alkohol “verträgt” und auch immer mehr braucht, um noch die gleiche angenehme Wirkung zu erreichen. Zum anderen erleidet er ohne die Droge Entzugserscheinungen wie Zittern, Schweißausbrüche, Herzjagen, innere Unruhe.

[Quelle: Manfred V. Singer / Stephan Teyssen, aus: Spektrum der Wissenschaft,
April 2001, Seite 58]

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